"KrautNick"- November 2004-
(Illian & Evhen interview)
1) Illian und Evhen, bitte stellt euch zunächst einmal unseren Lesern vor.
I: Hallo, ich bin der Sänger von Cyanhide. Diese Band besteht nun seit fast 10 Jahren (wir haben uns 1995 gegründet, soweit ich mich erinnere) und verschiedene Musiker haben an diesem Projekt gearbeitet (einige kamen, einige gingen). In dieser Zeit haben wir drei Alben veröffentlicht. Zurzeit arbeiten wir an der vierten CD. Als wir begannen, nannte sich die Band noch „Shroud of Cyan-Hide“, aber nach dem ersten Album haben wir den Namen in Cyanhide geändert, vor allem weil man sich Cyanhide besser merken kann.
E: Ich bin Gitarrist by Cyanhide. Ich spiele in der Band seit den ersten Anfängen, zunächst als Bassist. Nach einer mehrjährigen Pause (ich hatte meine eigene Death-Metal-Band) kehrte ich zu Cyanhide zurück und wechselte das Instrument.
2) Wie war der Anfang eurer Zusammenarbeit? Wie habt ihr euch kennen gelernt ?
I: Nun, ich schaltete eine kleine Anzeige in einem Magazin (ich weiß nicht mehr, in welchem), da ich Musiker suchte, um einen Band zu gründen. Und Evhen rief mich an. Wir haben uns bei mir zu Hause getroffen (ich erinnere mich, dass er zu früh kam und ich noch beim Essen war, so lud ich ihn dazu ein und so begann alles).
E: Yep! Wir spielten einige Monate mit einem Drummer und komponierten so zusammen Lieder. Zu dieser Zeit waren wir zu große Perfektionisten und wir haben viel Zeit verloren, indem wir Lieder, Einzelheiten, Texte etc. ständig änderten. So dauerte alles sehr lange (wir drehten und wandten uns immer wieder hin und her).
I: Ich erinnere mich nicht mehr, was genau alles passierte, aber als wir zusammen spielten, ließen wir viele Proben ausfallen (wir hatten außerdem Probleme mit der Freundin unseres Drummers). Nach einer gewissen Zeit (wir spielten inzwischen nicht mehr zusammen) beschloss ich, etwas allein aufzunehmen und neue Songs zu schreiben. Es war für mich eine Herausforderung: zu wissen, was ich tun konnte, zu wissen, was ich wirklich tun wollte. Ich schrieb „Early projects“. Dies war im Jahr 1998. Evhen spielte zu dieser Zeit in einer anderen Band (Death-Metal).
3) Habt ihr vor Cyanhide in anderen Bands gespielt?
I: Nein, nicht wirklich. Tatsächlich waren alle meine früheren Erfahrungen eine frühere Form von Cyanhide. Es gab andere Musiker (Bassisten, Gitarristen), mit denen ich versuchte, zu arbeiten, aber das war nicht ganz einfach (wir waren alle Anfänger und hatten nicht wirklich den gleichen Geschmack). Das war zwischen 1989 und 1993. Ich spielte Keyboard, aber mein Ziel war es, zu singen (ich brauchte Musik, um das zu tun, und so lernte ich Klavierspielen).
E: Ich habe 1989 als Bassist in einer Thrash-Death-Metal-Band angefangen. Danach spielte ich als Bassist bei der Band Proton Burst (1990-1991), dann war ich Gitarrist für einige Death-Metal- und Industrial-Metal-Bands.
4) Wo liegen eure musikalischen Wurzeln? Welche Bands und Künstler haben euch beeinflusst?
I: Ich wurde durch The Cure und Depeche Mode im Jahr 1985 beeinflusst. Sie haben mein Leben verändert, da sie mir etwas wirklich anderes boten. Ich war 15 und sie waren zu der Zeit noch nicht so berühmt in Frankreich. Dann begann die New-Wave-Ära. Es war magisch, es ist schwierig, es auszudrücken. Es war eine bestimmte Stimmung. Das war etwas, was ich langsam im Laufe der Zeit verlor. Heute bedauere ich die Art und Weise, wie ich damals lebte. Danach entdeckte ich EBM (Front 242), Electro (Skinny Puppy) und einige alternative Bands, die in die Richtung Punk gingen.
E: Um 1983 hörte ich Heavy Metal (AC/DC, Accept, Iron Maiden, Dio, ...). Doch die Offenbarung war Thrash und Death Metal (Slayer, Metallica, Death, Napalm Death, ...).
5) Was ist euer Lieblingsinstrument? Welche Instrumente benutzt ihr für das Komponieren?
I: Ich würde Gitarre und Mikrofon sagen. Auch Keyboards, aber die Art und Weise, wie ich sie benutze, sieht mehr nach PC-Programmierung aus als nach Klavierspielen.
E: Gitarre und Bass.
6) Was benutzt ihr im Studio? Welche Hardware und Software setzt ihr ein?
I+E: Einen PC mit MOTU-Soundkarte (32 Eingänge und 10 Ausgänge), einen professionellen Sampler (EMU E4X), verschiedene Effekte (Chameleon, Marshall JMP1, ADA Mp2, Digitech), Röhrenvorverstärker von TL Audio, Beyerdynamics Mikrofone und Kopfhörer sowie Mackie HR824 Monitore. Das Programming machen wir mit Cakewalk SONAR für PC (nicht Mac) mit einigen Plugins. Für die Lichtshow benutzen wir ein speziell dafür in C++ geschriebenes Programm, da ich entsprechendes nicht auf dem Markt gefunden habe.
7) Wie erarbeitet ihr normalerweise einen neuen Song und wie lange dauert es von der ersten Idee bis zum fertigen Stück?
I: Das ist verschieden. Zum Beispiel arbeiten wir an einem Sound, der uns gefällt. Dann kreieren wir eine oder mehrere Sequenzen mit dem Sound. Danach organisieren wir das ganze und fügen Drums und schließlich den Gesang ein. Der letzte Punkt veranlasst uns manchmal, den Aufbau des Titels zu ändern.
E: Vom Anfang bis zum Ende, kann es eine ganze Zeit dauern. Ein Jahr zum Beispiel. Wir bevorzugen es, den Dingen ihren Lauf zu lassen, anstatt Dinge zu forcieren. Ich möchte das, was wir neben Cyanhide erarbeitet haben, mit einbringen und dies verlangsamt die Arbeit
8) Was sind die Inhalte eurer Texte? Sind sie autobiografisch?
I+E: Wir singen von „Arbeit“ und die Stellung des Menschen in dieser Gesellschaft. Wir singen von Krieg, Propaganda, Jugend und ihren Träumen, vom Leben im Allgemeinen und im Besonderen (individuelle Dramen). Manchmal sind es Kurzgeschichten, Legenden. Wie ihr seht, ist es ganz offen. Aber die Texte sind nicht autobiografisch in der Bedeutung von „ich spreche von mir selbst“, in der Annahme „ich bin das Zentrum der Welt“. Oft sind die Texte kritisch, ironisch, auch zynisch, aber realistisch. Manchmal sind sie wie Träume. Allerdings bevorzuge ich es, dass die Leute ihre eigene Interpretation von Texten haben. Texte sind in unseren Booklets, damit jeder dem Text und der Musik folgen kann. Sie verschmelzen miteinander und unterstützen sich gegenseitig. Die Texte sind nicht einfach in die Musik eingefügt, sie sind tief mit ihr verbunden.
9) Warum arbeitet ihr ohne Label und Vertrieb?
I+E: Wir hätten gern einen Vertrieb, aber wir haben keinen gefunden! In Frankreich sind die Leute taub. Das kann einen zum Verzweifeln bringen. Wir hatten in Deutschland gute Kontakte, aber sie schrieben alles in deutsch und nicht in englisch, worum wir sie baten, aber es war für uns unmöglich zu verstehen, was sie schrieben. Wir sprechen nicht ein deutsches Wort. So blieb alles beim Alten. Vor allem suchen wir ein Label, das uns in Europa und in den USA vertreibt und promoted. Wir wissen, was wir wollen und kämpfen heute allein.
10) Was ist für euch wichtiger: eure CDs oder Live-Auftritte?
I: Ich meine, dass beides wichtig ist. Das Studio ist da, damit wir unsere Songs erarbeiten können, sozusagen mit unserem Kopf. Live-Auftritte ermöglichen es uns, uns eher physisch darzustellen. Das sind zwei Aspekte unserer Musik: Planung und Durchführung. Ich möchte ergänzen, dass es mehr Spaß macht, einen Gig zu spielen als zu komponieren, da die meiste Arbeit dann schon getan ist, wenn wir auf der Bühne stehen. Aber natürlich ist auch das Livespielen nicht so einfach: man muss auf einiges achten und Probleme kann es auch geben (Geräteabstürze, Verkabelungsprobleme, Stress, Zeitmangel, ...). Aber so ist das Spiel ...
E: Ich bevorzuge das Livespielen, da es wie gesagt lustiger ist.
11) Was haltet ihr von CD-Brennen, MP3, dem Internet und den damit verbundenen Möglichkeiten?
I+E: Nun, wir gehören keinem Label an und verkaufen nicht Millionen von CDs – so, um dem Punkt zu folgen – ist es kein Problem für uns, dass wir Leute unsere MP3s downloaden lassen. Dadurch lernen uns mehr Leute kennen. Wir fragen uns selbst: Warum sollte man es nicht den Leuten erlauben, ganze Alben kostenlos von unserer Homepage herunterzuladen? Die Antwort ist nicht ganz leicht. MP3s zu Hause zu haben, ist eine Sache. Die ganze CD in besser Qualität mit einem Booklet ist eine andere Sache. Wir würden uns freuen, wenn jeder unsere CDs kostenlos haben könnte, aber das würde eine Menge Geld kosten. Wir sind nicht reich (oder?). Nun, ich bin gegen Strafverfolgung, die es auf der ganzen Welt gegen diejenigen gibt, die MP3s tauschen. Das ist das falsche Problem: sie würden sowieso nicht alles kaufen, was sie downloaden. Und vor allem kann niemand diese Entwicklung stoppen. Dafür ist es zu spät, alles ging viel zu schnell und der Kampf ist meiner Meinung nach bereits verloren. Das Problem ist, dass CDs so teuer sind (zum Beispiel in Frankreich). Vor einiger Zeit entschieden wir, unsere CDs zu einem günstigen Preis zu verkaufen (unsere CD: EUR 10,00/normaler Preis: EUR 18,00). Aber die Zeit der CD ist vorbei, die Zeit der DVD ist da. Und die Leute sind einverstanden, zu zahlen, aber nur für Filme. Wir müssen uns dem anpassen. Ich sehe die Zukunft so: Audio ist kostenlos und Video nicht. Dies wird die nächsten 5 oder 10 Jahre so bleiben. Danach wird es etwas anderes geben, eine andere Entwicklung usw.
12) Was haltet ihr von der Entwicklung des Musikgeschäftes?
I: Gute Frage. Wir wundern uns. Vielleicht ist die Zeit der großen Vertriebe vorbei. Sie verkaufen soviel Mist. Die Leute folgen alternativen Wegen (Downloads). Vertriebe und Label haben nie Rezessionen gekannt wie andere Industrien und heutzutage müssen sie sich dem anpassen oder sie verschwinden. Für uns, so nehme ich an, liegt die Zukunft in Konzerten, wir werden niemals reich werden mit dem Verkauf unserer CDs. Wir würden gern Videos drehen, aber das ist zu teuer. Wir arbeiten dran ...
E: Das Bild, das die großen Firmen hinsichtlich Musiker geben (wie leicht ist es, ein Star zu werden), bringt die Musik um, wie wir wissen. Die Leute können uns als „Wegwerfartikel“ sehen.
13) Welche aktuelle Musik mögt ihr und welche mögt ihr überhaupt nicht?
I: Ich persönlich bin in der neuen Musik etwas verloren. Es ist immer wieder dasselbe und ich folge dem nicht. Ich höre immer noch Skinny Puppy, Velvet Acid Christ, Haujobb, U2, Depeche Mode, ... Ich mag mehr Kreativität, ja, und das ist genau das, was ich heute vermisse.
E: Ich höre hauptsächlich alte Sachen. Ich würde sagen Otep, Atrocity, ...
14) Welche CD habt ihr zuletzt gekauft?
I: Es ist schon länger her, dass ich eine CD gekauft habe. Die Frage ist für mich nicht zu beantworten. Wenn ich etwas haben möchte, lade ich es mir aus dem Netz. Wenn ich eines Tages etwas finde, das ich wirklich mag, werde ich es kaufen. Allerdings finde ich nichts, da ich zu wenig Zeit ins Suchen investiere.
E: Ich habe kürzlich die letzten Samael, Rammstein gehört und es klang nach nichts Neuem. Also habe ich die CDs nicht gekauft.
15) Wie sieht die dunkle Szene in Frankreich aus? Ist es eine große Szene und gibt es Medien, die sie unterstützen?
I+E: Oh, das ist schwierig. Wir werden von niemandem unterstützt. Große nationale Magazine (Elegy, D-Side) unterstützen nur große Bands, die ein Label haben und Anzeigen bezahlen können. Sie scheinen zu gucken, was in Deutschland geschrieben wird und übersetzen das einfach nur. Elegy gibt es nicht mehr und ich bin deswegen nicht traurig. Sie haben die Undergroundszene nie richtig unterstützt. Ein neues 'Elegy' wird es wohl ab Februar 2005 geben. Wenn sie die Mannschaft auswechseln, warum nicht. Falls nicht, habe ich daran kein Interesse. Das Hauptproblem mit diesen Magazinen ist, dass sie überhaupt nicht professionell sind. Öffne ein Velvet-Magazin und du wirst sehen, dass das total anders ist. Die Fragen, die an Bands gestellt werden, sind nicht so allgemein, sondern wirklich interessant und man lernt einiges und hat Spaß am Lesen. Zurück zur dunklen Szene: es ist schwierig, Gigs zu spielen und ich meine, dass die Leute normalerweise große Konzerte und Festivals bevorzugen anstatt kleine Konzerte. In Frankreich ist es vor allem eine Frage des Geldes und der gesetzlichen Genehmigung (Lärm und Umgebung).
16) Was ist neben der Musik wichtig für euch?
I: Seit 10 Jahren lebe ich für die Musik. Nun, möchte ich gern andere Dinge neben der Musik haben und zum Beispiel eine Familie gründen. Die Zukunft wird es uns zeigen, da die Dinge niemals so passieren, wie man sie plant. Ich möchte hinzufügen, dass ich seit vielen Jahre Kampfsport betreibe (Tae Kwow Do, Ju-JITSU). Das gibt mir viel, so viele Antworten und Rat, sich um sich selbst zu kümmern. Außerdem lese ich viel (Fantasy, Science-Fiction). Tatsächlich bin ich von allem fasziniert, wo ich meine Vorstellungskraft ausleben kann. Zum Beispiel liebe ich „Herr der Ringe“ (ich meine die Filme und natürlich die Bücher).
E: Ich arbeite zu viel und das geht mir auf die Nerven. Ich bin Fan von Musik und Videos (Van Helsing, Herr der Ringe, Hellboy, Resident Evil, ...).
17) Welche fünf Dinge würdet ihr mit auf eine einsame Insel nehmen?
I: Eine Frau (die Frage ist, welche?), einen PC mit Internetanschluss, ein Boot, meine Musikinstrumente und meine Katze.
E: Eine Frau, eine Frau,eine Frau,eine Frau und eine Frau: Das macht fünf Frauen! :)
18) Welche Pläne habt ihr für die Zukunft?
I: Arbeit an Videos, Realisierung des vierten Albums und Konzerte ...
E: Auf „die“ einsame Insel ziehen :)
19) Was möchtet ihr unseren Lesern sonst noch mitteilen?
I: Vielen Dank für das Interview und einen Gruß an alle Leser in Deutschland.
E: Wir würden uns freuen, in Deutschland aufzutreten. Vielleicht klappt es ja im Jahr 2005?
Natürlich möchten wir uns noch bei Cyanhide für die Zusammenarbeit bedanken und den beiden viel Erfolg für die Zukunft wünschen!!!
von Olaf Krautwurst (11/2004), Interview übersetzt von Petra Ding